Deutschlands einzige heimische Schildkröte ist selten und sonnenhungrig: Sie lebt in verkrauteten Teichen, wärmt sich auf Totholz und kann ihre Beute nur unter Wasser schlucken.
Die Europäische Sumpfschildkröte (Emys orbicularis) ist eine kleine bis mittelgroße Schildkröte, die fast ihr ganzes Leben im Wasser verbringt. Sie ist die einzige Schildkrötenart, die in Mitteleuropa und damit auch in Deutschland von Natur aus vorkommt. Trotz ihres Namens und ihrer Herkunft gehört sie zur Familie der Neuwelt-Sumpfschildkröten. Ihre nächsten Verwandten sind die Sizilianische Sumpfschildkröte sowie zwei nordamerikanische Arten. 2015 wurde sie in Deutschland zum Reptil des Jahres gewählt.
Besonders macht sie nicht nur ihre Seltenheit. Ob aus einem Ei ein Männchen oder ein Weibchen schlüpft, hängt stark von der Bruttemperatur ab. Im Freiland spielt allerdings wohl auch die Erbanlage mit. Außerdem kann sie nur unter Wasser schlucken. Schon Aristoteles kannte die Art, und der Artname orbicularis spielt auf die kleinen gelben Punkte auf Haut und Panzer an.
In Deutschland gilt sie als vom Aussterben bedroht, die IUCN stuft sie weltweit als potenziell gefährdet ein. Die wenigen verbliebenen Vorkommen liegen vor allem im Osten des Landes, etwa in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern. In Hessen, Rheinland-Pfalz, Mecklenburg-Vorpommern und Niedersachsen versucht man, die Art wieder anzusiedeln. In Österreich pflanzt sie sich nur noch in den Donauauen östlich von Wien natürlich fort. In der Schweiz gibt es Bestände unter anderem bei Genf.
- Fotos
- 2
- Fotografiert am
- 15.08.2025
- Beobachtet
- Januar: –
- Februar: –
- März: –
- April: –
- Mai: –
- Juni: –
- Juli: –
- August: 2
- September: –
- Oktober: –
- November: –
- Dezember: –
- Kamera
- Sony α6600
- Objektiv
- Sony FE 200–600 mm F5.6–6.3 G OSS
- Wissenschaftlicher Name
- Emys orbicularitosa
- Englisch
- swamp turtle
- Klasse
- Reptilien (Reptilia)
- Ordnung
- Schildkröten (Testudines)
- Familie
- Neuwelt-Sumpfschildkröten (Emydidae)
- Gattung
- Emys
- Gefährdung
- potenziell gefährdet (IUCN: NT)
- Auszeichnungen
- Reptil/Lurch des Jahres 2015
Quelle: Wikidata · Wikipedia-Artikel
Je nach Unterart und Geschlecht wird der Rückenpanzer knapp unter 12 bis über 20 Zentimeter lang. Tiere aus dem Norden und Osten sind meist größer als südliche. Die meisten wiegen 400 bis 700 Gramm, in Ausnahmefällen bis zu 1,5 Kilogramm. Der ovale, eher flache Rückenpanzer ist oft dunkelbraun bis schwarz. Häufig trägt er feine gelbe Punkte oder Strahlenlinien. Der Bauchpanzer reicht von einfarbig gelb bis ganz schwarz, meist hat er ein dunkles Zentrum. Kopf, Hals und Beine sind dunkel und oft gelb gezeichnet. Typisch sind außerdem Schwimmhäute zwischen den Zehen, scharfe Hornschneiden statt Zähnen und ein auffallend langer Schwanz, der bis zur halben Panzerlänge erreicht. Bei älteren Tieren wird die Mittelnaht des Bauchpanzers zu einem Gelenk, sodass sich der vordere Teil etwas bewegen lässt.
Weibchen werden größer als Männchen und haben einen etwas stärker gewölbten Panzer. Männchen besitzen stärker gekrümmte Vorderkrallen und eine verdickte Schwanzwurzel. Auch die Augen verraten das Geschlecht: Weibchen haben meist eine gelbe Iris. Männchen haben meist eine bräunliche Iris, bei manchen Unterarten auch eine rötliche, etwa bei der in Deutschland heimischen Nominatform. Rund elf Unterarten sind anerkannt, die sich in Größe und Zeichnung teils deutlich unterscheiden. Die nah verwandte Sizilianische Sumpfschildkröte gilt seit 2005 als eigene Art.
Die Sumpfschildkröte besiedelt stehende oder langsam fließende Gewässer: Seeufer, Teiche, Gräben und Altarme. Im Süden lebt sie auch in Bächen, an der Mittelmeerküste sogar im Brackwasser von Flussmündungen. Am liebsten sind ihr stark bewachsene, nährstoffreiche Gewässer mit schlammigem Grund. Gelegentlich findet man sie sogar in Viehtränken. Wichtig sind Sonnenplätze wie Totholz, von Bibern gefällte Bäume, Wurzelstöcke, Grasbulten oder alte Wasservogelnester. Ebenso braucht sie flache, sonnenwarme Uferzonen. In der Nähe müssen zudem warme, trockene Sandflächen für die Eiablage liegen, und genau daran mangelt es oft. In Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern lebt sie teils in Söllen und Teichen mitten in Agrarlandschaften. Ideale Bedingungen bietet etwa das Naturschutzgebiet Zarth im Naturpark Nuthe-Nieplitz.
Das Verbreitungsgebiet reicht von Marokko und Tunesien über die Iberische Halbinsel, Frankreich, Italien, Osteuropa, den Balkan und Anatolien bis zum Aralsee und in den Norden Irans. In Russland kommt sie bis in die Gegend von Moskau und an den südlichen Ural vor, die nördlichsten Bestände leben in Litauen. In den Benelux-Ländern, in Tschechien und weiten Teilen Österreichs gibt es bestenfalls noch winzige ursprüngliche Restvorkommen. Ein besonders großer Bestand lebt in Polen bei Leszno, wo eigens ein Schutzgebiet für sie eingerichtet wurde.
Auf dem Speiseplan stehen vor allem Schnecken, Krebstiere, Insektenlarven und andere Wirbellose. Dazu kommen Kaulquappen, tote Fische und Aas. Anders als oft behauptet frisst sie in jedem Alter auch Wasserpflanzen wie Wasserpest, Algen und Wasserlinsen. Größere Beute hält sie mit den Vorderbeinen fest und zerreißt sie mit Kiefern und Krallen. Auch wenn sie manchmal an Land nach Nahrung sucht, frisst sie ausschließlich im Wasser. Schlucken kann sie nur dort: Sie stößt den Kopf ruckartig vor, und der einströmende Wasserstrom spült den Bissen in den Schlund.
Den Winter verbringt die Sumpfschildkröte in Winterstarre am Gewässergrund. Sie frisst dann nicht, ihr Stoffwechsel läuft auf Sparflamme, und Sauerstoff nimmt sie über die Kloake auf. Bald nach dem Erwachen beginnt im Februar oder März die Paarungszeit. Das Männchen treibt das Weibchen ins Wasser, klammert sich auf seinem Panzer fest und bringt es mit Kopfschwingen und Schnappen dazu, den Kopf einzuziehen. Geschlechtsreif werden die Tiere je nach Region und Geschlecht mit 4 bis 18 Jahren, im Durchschnitt mit 8 bis 10 Jahren.
Im Juni wandern die Weibchen an warmen Nachmittagen und Abenden meist zu denselben Eiablageplätzen wie im Vorjahr. Diese liegen in der Regel weniger als 500 Meter vom Gewässer entfernt, bevorzugt an sonnigen, sandigen Südhängen. Mit den Hinterbeinen graben sie eine etwa zehn Zentimeter tiefe, birnenförmige Höhle. Harten Boden weichen sie mit Wasser aus ihren Analsäcken auf. Danach verschließen sie das Nest so sorgfältig, dass es kaum noch zu erkennen ist. Ein Gelege umfasst meist 9 bis 15 Eier. Im Süden folgt oft ein zweites Gelege im Sommer. Nach 80 bis 120 Tagen schlüpfen im Spätsommer die nur 2 bis 3 Zentimeter großen Jungen. Im Norden überwintern sie teils noch im Nest, bevor sie Schutz in dichten Wasserpflanzen suchen.
Bei Bruttemperaturen unter 28 °C schlüpfen aus den Eiern Männchen, oberhalb von 29,5 °C überwiegend Weibchen. Trotzdem entstehen auch im kühlen Norden genug Weibchen, was auf zusätzliche genetische Einflüsse hindeutet. Wer die scheuen Tiere beobachten oder fotografieren möchte, achtet am besten auf Sonnenplätze wie Äste, Baumstämme und Wurzelstrünke, die aus dem Wasser ragen. Dort wärmen sie sich gern auf. Ein Teleobjektiv und viel Geduld aus sicherer Entfernung sind dabei unverzichtbar. Die Art ist streng geschützt: Wildlebende Sumpfschildkröten dürfen weder gefangen noch in ihrer Fortpflanzung gestört werden. Eiablageplätze sind deshalb tabu. Im Juni überqueren Weibchen auf dem Weg zu ihren Nistplätzen oft Straßen, weshalb man in Schildkrötengebieten dann besonders vorsichtig fahren sollte.
Die Art gilt laut Roter Liste der IUCN als potenziell gefährdet (NT).